Wo sind die Grenzen? Ein Gespräch mit Paola Yacoub

Paola Yacoub, "Radical Grounds", 2020.

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Nachdem ich einen Text über Paola Yacoubs Ausstellung in der daadgalerie1 geschrieben hatte, verspürte ich den Wunsch, sie kennenzulernen. Sie lud mich in ihr schönes Atelier mit großen Fenstern in Moabit ein, wo ich sie an einem Nachmittag im Dezember besuchte. Ich wollte mir bestimmende Aspekte ihrer Arbeit erklären lassen. Und da ich eine recht persönliche Interpretation ihrer Ausstellung formuliert hatte, war ich neugierig darauf, meine Wahrnehmung mit ihren Absichten in einen Dialog zu bringen. Dieser Austausch ermöglichte, uns gegenseitig zu manchen Facetten des Schaffens und der Rezeption zu befragen, die wir möglicherweise übersehen hatten. Paola Yacoub leitete mich an, indem sie ihre Praxis klar kontextualisierte, ihre künstlerische Herkunft erklärte, und mir ihre Arbeit in ihrer ganzen Vielfalt zugänglich machte, die weit über die Werke hinausging, die ich in der daadgalerie kennengelernt hatte.

Eines der ersten Themen, die wir kurz nach meiner Ankunft im Studio besprachen, war das zentrale Ausstellungsstück in der daadgalerie: Ein riesiger, von der französischen Manufacture des Gobelins gewebter Teppich, der kurz nach der Finissage in den Besitz der französischen Botschaft in Berlin gelangte. Sein Titel lautet „BEY002“.

Paola Yacoub, BEY002, Wollteppich, 2013-2019, mit Baugerüst (Foto: Thomas Bruns)

Als Gegenstand hat der Teppich eine lange Geschichte, die reich an kulturellen und ästhetischen Traditionen ist. Paola Yacoub greift gerne auf den Begriff „Typologie“ zurück, um über die verschiedenen Arten von Teppichen zu sprechen. Teppiche können verschiedene Funktionen erfüllen (andächtig, ornamental, utilitarisch, symbolisch) und es gibt unterschiedliche Ästhetiken, die oft mit unterschiedlichem traditionellen Fachwissen verbunden sind. Vor allem im Iran sind Teppiche Träger narrativer Darstellungen mit hohem Symbolwert. Paola Yacoub bezieht sich unter Anderem auf Mohsen Makhmalbafs Film „Gabbeh“: „Hinter dem Weben eines Teppichs stecken Emotionen und eine Geschichte. Ein Teppich ist eine Landschaft; er ist die Umsetzung von Territorien, ein Spiel mit Territorien.“

Mit ihrem Werk wollte Paola Yacoub eine neue Typologie eröffnen, die man als Dokumentarteppich bezeichnen könnte. Denn das ikonografische Programm ihres Werks ist von jeder traditionellen Darstellung weit entfernt: Es handelt sich um eine technische Zeichnung, die Paola Yacoub 1995 bei wichtigen archäologischen Ausgrabungen in Beirut2 anfertigte und als Vorlage der Manufacture des Gobelins weiterreichte, um sie im Rahmen einer intensiven Zusammenarbeit auf einen Teppich zu übertragen. Die Manufacture des Gobelins, eine seit Jahrhunderten berühmte Institution in Frankreich, speist ihre Praxis aus traditionellem Fachwissen. Der Teppich von Paola Yacoub wurde unter anderem „nach Südfrankreich, nach Lodève, in eine Spinnerei geschickt, die kabylische Weberinnen beschäftigt. Diese Arbeiterinnen, Frauen von algerischen Harkis3, beherrschen eine besondere Knotentechnik“. Obwohl Paola Yacoub eine neue Typologie der Darstellung vorschlägt, verankert sie ihr Werk nicht zuletzt in einer traditionellen Praxis und in der Geschichte (die zentrale Darstellung ist immerhin eine archäologische Zeichnung). In gewisser Weise, so betont sie, ist dies ein fast romantischer Ansatz: Zum einen spiegelt dieser Teppich eine Faszination für die Archäologie wider – die als eigenständige Praxis im 19. Jahrhundert, im goldenen Zeitalter der Romantik, entsteht – und zum anderen, pragmatisch betrachtet, lädt er dazu ein, „über die Geschichte zu trampeln“. „Die Romantik ist das erste Mal in der Geschichte, dass der Mensch sich des Bodens bewusst wurde: Es ist die Zeit der ersten archäologischen und geologischen Expeditionen.“ 

Worin besteht dann der Unterschied zwischen Dokument und Kunstwerk? Der Übergang erfolgt bei „BEY002“ vor allem durch die Tilgung des wissenschaftlichen Charakters der Vorlage. Paola Yacoub hat die Bildlegende vom Teppich entfernt, die auf der Originalzeichnung die Skalierung angibt. Auf diese Weise findet eine Übersetzung auf eine andere Ebene statt, eine Transposition, die dem Objekt im aristotelischen Sinne einen künstlerischen Status verleiht4.

Dekorative Kunst, Kunstwerk, Dokument: Der Teppich „BEY002“ ist all dies gleichzeitig und bringt die Betrachter:innen dazu, sich Fragen über die Definition jeder dieser Gattungen zu stellen. Paola Yacoub hinterfragt ihre Gemeinsamkeiten und erforscht die Porositäten zwischen den drei Genres. Auch in diesem Sinne jongliert sie mit den Kategorien. Von ihrem Architekturstudium in London sagt sie, sie habe die Fähigkeit zu spielen gelernt. So spielte sie mit diesem historischen Dokument. Das gewebte archäologische Muster bringt unterirdische Schichten ans Licht, die der am Boden liegenden Teppich bedeckt und verbirgt. 

Dieses Spiel erlaubt Paola Yacoub die Geschichte Beiruts ins Licht zu bringen, ohne den Krieg mit Pathos zu schildern. „In gewisser Weise kann man sagen, dass es keinen dramatischen Bezug zur Geschichte gibt, aber dass eine Dramatisierung stattfindet.“

Bezugnehmend auf Michael Frieds5 und Walter Benn Michaels6 Schriften will die Künstlerin für eine „Rückkehr zur Absicht des Autors“ plädieren. „Es gibt Gemälde, die nach Theatralität rufen, die in der Darstellung spektakulär sind und wo der Blick der dargestellten Figuren verbindlich ist; Und es gibt eine andere Typologie von Werken, wo der Blick der dargestellten Person, die auf dem Gemälde schreibt oder liest, nicht theatralisch ist: Die Person schaut den Betrachter nicht an.“ In Werken wie „BEY002“ oder auch den Fotoserien „Radical Grounds“ und „Photos Élégiaques“ [elegische Fotos] ist der zentrale Gegenstand der Darstellung, nämlich der Krieg, formgebend, dennoch nie spektakulär abgebildet. Die Serie „Radical Grounds“ besteht aus Fotografien von (Erd-)böden, die 2020 zum ersten Mal in der Galerie Marfa’ Projects in Beirut ausgestellt wurden7.

Paola Yacoub, "Radical Grounds", 2020.
Paola Yacoub, "Radical Grounds", 2020.
Paola Yacoub, „Radical Grounds“, 2020.

Die Betrachter:innen werden mit dem Boden eines vom Krieg geprägten Territoriums konfrontiert. Die Fotos sind in gewissem Sinne Dokumente, anhand derer man die Perspektive der Fotografin ablesen kann; Ihre Größe, ihre genaue physische Position auf dem Boden sind nachvollziehbar. Die Bilder sind Beweise für die physische Existenz und die Verletzlichkeit der Person hinter dem Objektiv. Wenn der Boden in diesem Moment und an dieser mehr oder weniger gefährlichen Stelle zusammenbricht, wird auch die Fotografin mit ihm zusammenbrechen. Im Gegensatz zu Luftaufnahmen, die mit Drohnen zu militärischen Zwecken gemacht werden, sollen Paola Yacoubs Fotografien die Verankerung auf dem Boden wortwörtlich verkörpern. „Sie zeugen von der Angst, dem Gefühl der Verletzlichkeit, aber ohne in die Dramatisierung oder Theatralisierung des Krieges zu geraten. Ich wollte den Schmerz zeigen, ohne ihn auf allzu demonstrative Weise nachweisen zu müssen. So habe ich angefangen, mich der Fotografie zu widmen. Ich habe hier noch ein Beispiel, schauen Sie: Es sieht aus wie ein elegisches Foto, man könnte meinen, man sei in einer toskanischen Landschaft. Und in Wirklichkeit ist das die Grenze zwischen dem Libanon und Israel. Es ist also ein Spiel mit dem Anschein: Ich wollte über den spurlosen Schmerz sprechen. Es ist der Schmerz eines Territoriums: Es ist ein Minenfeld.“

Paola Yacoub, "Photo Élégiaque", 2001.
Paola Yacoub, "Photo Élégiaque", 2001.
Paola Yacoub, "Photo Élégiaque", 2001.
Paola Yacoub, „Photos Élégiaques“, 2001.

Wie Paola Yacoub mehrfach erklärte, ist ihre fotografische Praxis dokumentarisch. Auch diese klare Positionierung ist entscheidend, um ihre Arbeit sowohl aus ästhetischer als aus politischer Sicht zu verstehen. „Ich fühle mich legitim und fähig dazu, Dokumente zu bearbeiten, weil ich einen wissenschaftlichen Hintergrund habe.“ Die jahrelangen archäologischen Ausgrabungen in Beirut bestätigten zwar ihr Interesse an Böden, vertieften aber auch die politische Richtung, die sie ihrem wissenschaftlichen Ansatz verleihen wollte.

„In der Archäologie geht es um die Verwaltung von Dokumenten. Es gibt aber eine echte Notwendigkeit, sich dazu zu positionieren. Dennoch gibt es leider oft keinen Unterschied zwischen dem, was die Politiker sagen, und der Arbeit eines Künstlers, der sich politisch engagieren will, aber den Dokumenten gegenüber skeptisch ist. Warum ist das so? Weil es im Libanon keine öffentlichen Archive gibt. Die Amnestie nach dem Krieg führt dazu, dass die Kriminellen von gestern heute an der Macht sind. Ihren Machtmissbrauch zu dokumentieren bedeutete daher oft nicht weniger, als das eigene Leben zu riskieren. Ein Beispiel dafür ist Lokman Slim8. Einige Werke libanesischer Künstler:innen spielen dieses Spiel mit: Wenn sie ein Dokument zeigen, das aus dem Krieg stammt, halten sie eine gewisse Zweideutigkeit aufrecht, indem sie das Dokument weder als ganz wahr noch als ganz fiktiv betrachten. Es gäbe ohnehin keine Institution, die die Geschichte des Dokuments nachvollziehen und es in einen bestimmten Kontext einordnen könnte, da es kein Nationalarchiv gibt. Diese skeptische Haltung der Künstler:innen behindert die Untersuchung der Geschichte des Landes. Die archäologischen Dokumente, die ich in der daadgalerie ausstellte, haben hingegen einen anderen Status: Sie stehen vollständig zu sich selbst als Dokumente. An meiner Zeichnung kann man überprüfen, dass sie dem Französischen Archäologischen Institut gehört.“

Sich mit Leib und Seele in die archäologische Forschung im Libanon zu stürzen, ist daher ein aktivistischer Akt. „Indem ich die Geschichte des Libanon durch Archäologie aufarbeite, möchte ich aus der für meine Generation typischen skeptischen Haltung gegenüber Dokumenten ausbrechen. Ich identifiziere mich eher mit den jüngeren Akteuren der Revolution, die, wie ich auch, mit diesem konventionellen Skeptizismus nichts anfangen können. Es gibt also eine sehr politische Ebene in meiner Ausstellung in der daadgalerie. Ich habe mich übrigens dafür entschieden, Art of Boo9 einzuladen: Zum ersten Mal werden in der libanesischen Presse die politischen Akteure zugleich benannt und kritisiert. Art of Boo ist ein Künstler, der sich traut, Urteile zu treffen und die Realität zu kritisieren. Seine Arbeit ist ein Symbol der jungen Generation, die sich emanzipiert und ihr Land auf dem Weg zu einer Demokratie bringen will.“

The Art of Boo, „L‘Orient-Le Jour“, Zeitungen mit Illustrationen (Detail), 2019-2021 (Foto: Thomas Bruns)

Eine große Anzahl von Art of Boo’s Karikaturen war an einer der ersten Wände der daadgalerie ausgestellt. Ich erinnere mich, dass genau diese Zeichnungen mich dazu animiert hatten, einen politischen Blick auf den gesamten Inhalt der Ausstellung zu werfen. Da ich gleich zu Beginn meines Besuchs mit explizit politischen Aussagen konfrontiert wurde, die durch einen zynischen und bissigen Humor zum Ausdruck gebracht wurden, war ich gezwungen, die Werke über ihre poetische Kraft hinaus zu betrachten und in ihnen eine politische Haltung zu erkennen, deren wahres Ausmaß ich jedoch nicht sofort begreifen konnte. Erst während des Gesprächs mit Paola Yacoub verstand ich ihre brennende Absicht, historischen Dokumenten mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Mehr noch, ihre Bereitschaft, die Probleme anzuprangern, die sich aus dem fehlenden Nationalarchiv im Libanon ergeben. Denn diese Situation lähmt jede Möglichkeit, als Historiker:in die Vergangenheit des Landes aufzuarbeiten und die individuellen und kollektiven Wunden zu heilen, die der Bürgerkrieg verursacht hat.

1 Paola Yacoub. BEY002, vom 8. Juli bis 19. September 2021, Daadgalerie,, Berlin. https://www.berliner-kuenstlerprogramm.de/de/events/bey002/ Die Ausstellungsreview kann hier gelesen werden: https://www.pokusberlin.com/an-beirut/
2 Paola Yacoub arbeitete von 1993 bis 1999 auf der archäologischen Ausgrabungsstätte in Beirut. Diese vom Institut Français d’Archéologie du Proche-Orient (IFPAO) geleiteten Ausgrabungen wurden in zwei Sektoren der Stadt (BEY002 und BEY026) durchgeführt und sind weltweit eine der größten archäologischen Ausgrabungen im städtischen Umfeld gewesen.
3 Das Wort „Harkis“ bezeichnet algerische Muslime, die während des Algerienkrieges (1954-1962) die französische Armee bedient haben.
4 Aristoteles, “Poetik”.
5 Michael Fried, “Absorption and Theatricality: Painting and Beholder in the Age of Diderot”, 1980 und “Art and Objecthood: Essays and Reviews”,1998.
6 Siehe zum Beispiel Walter Benn Michaels, “Neoliberal Aesthetics: Fried, Rancière and the Form of the Photograph”, am 25.01.2011 auf Nonsite veröffentlicht und verfügbar hier: https://nonsite.org/neoliberal-aesthetics-fried-ranciere-and-the-form-of-the-photograph/ 
Auch interessant sind seine Teilnahme an ARP Talks (dieses Programm wurde von Paola Yacoub gegründet und von 2013 bis 2018 in Kollaboration mit dem Sursok Museum in Beirut durchgeführt). https://sursock.museum/content/arp-talks-walter-benn-michaels-and-jennifer-ashton
7  https://marfaprojects.com/exhibitions/paola-yacoub-radical-grounds/
8 Lokman Slim, libanesische Verleger, der politisch engagiert war, wurde am 4. Februar 2021 ermordet.
9 Die Karikaturen von Art of Boo werden unter anderem in der täglichen französichen-libanesischen Zeitung L’Orient-le-Jour veröffentlicht. https://www.theartofboo.com

Julia Ben Abdallah is an art historian and co-founded the collective for art critique POKUS - Poetische Kunstkritik Berlin in March 2019. She aspires to an accessible and independent art critique. She writes about exhibitions and artistic works in Berlin that she finds particularly inspiring, without restricting herself to a particular genre or discipline.