Hito Steyerl, „this is the future“ (2019)

Hito Steyerls Video Installation “This is the Future” (2019), ein Garten der Zukunft, besteht vor allem aus digitalen Pflanzen: Bildschirme blühen auf metallischen Stielen. Der Garten wurde von einer künstlichen Intelligenz konzipiert, die jede Pflanze mit einem lateinischen Name und sonderbaren Eigenschaften ausgestattet hat. Diese werden in verschlüsselten Texten beschrieben, die jede*r auf dem Bildschirm seines*ihres Smartphones lesen kann. Dafür sollen QR Codes in der Ausstellung eingescannt werden. Nun sind solche Details über die Pflanzen zu lesen:

Hordeum Murinum Futuris : “Gierst du nach Likes? / Bereite einen Brei / und verbanne damit / Gesichtsbuch-Verwirrung.”

Sisymbrium Irio Futuris : “Bei Tagesanbruch / Nimm ein Blatt / Und leg es auf das Auge / Dies zieht Werbung heraus / Und klärt den Blick / Vertreibt / Toxische Sponsoren / Trolls und Melancholie / Macht Kunstwerke feuerfest / Beugt Grünwäschung vor.”

Chenopodium Botrys Futuris : “Das Gewächs ist krass. Es tut gar nichts. Tu dasselbe und du fühlst dich gut.”

Urtica Dioica Futuris : “Diese Pflanze bindet Gift / Aus sozialen Medien / Und beherbergt Insekten / Sie gefällt den Sinnen / Durch ihr bescheidenes Wesen.”

Mir fallen einige Assoziationen und Interpretationsversuche ein.
In der Kunstgeschichte gilt der Garten als traditionelle Darstellung des Paradieses oder einer ursprünglichen Natur, doch stellt “This is the Future” keine utopische oder dystopische Welt dar. Es geht auch nicht darum, ein Objekt – den Garten – außerhalb seines Kontextes zu zeigen – Ja, Herr Cattelan, Duchamp ist schon längst veraltet. Ob eine künstliche Intelligenz Kunst schaffen kann, ist keine zentrale Frage dieses Werks, wo die K.I. als Medium und nicht als Topos genutzt wird. Die Beziehung der Menschen zur (Um)-Welt wird vielleicht thematisiert, aber reflektiert und hinterfragt wird sie hier nicht. Die zahlreichen Informationen über die fiktiven Pflanzen via Augmented Reality wirken wie eine Art Unterhaltung und könnten in diesem Sinne eine Anspielung auf Guy Debord darstellen, aber das kann keine Interpretation für das ganze Werk sein, das viele andere Aspekte hat. Und um auf die Losung der postkonzeptuellen Kunst zugreifen zu können, müsste erst einmal ein klares Konzept genannt werden können.
Eigentlich fühle ich mich ratlos vor dieser rätselhaften Installation, die sich kräftig gegen alle meine Bemühungen wehrt, näher an sie heranzukommen.

Denn keine Beschreibung der Installation, keine Analyse der Komposition und keine Untersuchung des empirischen Erlebnisses helfen mir dabei, die Grundfrage zu beantworten, die mich permanent beschäftigt: Worum geht es bei dieser Arbeit? Was möchte die Künstlerin sagen und warum versteht sich die Installation als Kunstwerk?

Diese Arbeit gilt weder als Darstellung, noch als Kritik, Beschreibung, oder Konzept. Ihre Position ist so undefiniert, dass ich wirklich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll.
Ist es nicht genau das, was Kunstkritiker*innen in der Zeit von Duchamp, Manzoni und Richard Long verwirrt hatte? Als sie, wie ich, vor etwas standen, das sie im Rahmen der etablierten Kunst absolut nicht einordnen konnten? Und trotzdem wussten, dass es nichts Anderes als Kunst sein konnte. So ahne ich in der Arbeit von Hito Steyerl eine Neudefinierung der Kunst. Es wird tatsächlich neu gefragt, was ein Kunstwerk ist und warum. Was ist die Natur, die Rolle, das Objekt, und der Platz der Kunst in unserer zeitgenössischen Gesellschaft? Diese Fragen sind nicht neu, sondern neu gestellt, weil sie nämlich mittels eines Mediums gestellt werden, das unserer digitalen Zeit eigen ist. Die künstliche Intelligenz ist eine Ressource unserer Epoche. Sie gestaltet die neuen Erfindungen, Werke und Denkweisen; sie verändert unsere Definition der Normalität.
Indem Hito Steyerl die künstliche Intelligenz als Grundlage ihrer Installation und die Augmented Reality als Werkzeug ihrer Vermittlung nutzt, hinterfragt sie die Position und die Natur der Kunst in unserer digitalen Gegenwart. Natürlich ist es auch wichtig, zu fragen, welche neuen Türen sich dank der künstlichen Intelligenz öffnen. Technisch, ästhetisch und konzeptuell gesehen ist diese neue Ressource absolut bahnbrechend. Aber diese Aspekte scheinen zweitrangig zu sein neben der Frage “Wie kann die Kunst mittels zeitgenössischer digitaler Medien in Frage gestellt und zu einer Neudefinition gebracht werden?”. Und vor allem: Wie kann diese Frage in einem Kunstwerk aktuell wieder thematisiert werden? Denn das ist der eigentliche, komplexe Kern von “This is the Future”. Es geht letztlich subtilerweise darum, zu fragen, wie eine Frage gestellt werden kann; Hic et Nunc.

Foto © Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe
Foto © Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe
Hito Steyerl
23 November 2019 – 26 January 2020
Neuer Berliner Kunstverein e. V.
Chausseestrasse 128/129
10115 Berlin

Julia Ben Abdallah is an art historian and co-founded the collective for art critique POKUS - Poetische Kunstkritik Berlin in March 2019. She aspires to an accessible and independent art critique. She writes about exhibitions and artistic works in Berlin that she finds particularly inspiring, without restricting herself to a particular genre or discipline.