Hayden Fowler, „Broken Romance“

Auf dem Rücken
Die Wolken
Die Sterne
Das Große. Die Ferne.
Auf dem Bauch
Das Kleine.
Insekten Grashalmen
Und Tautropfen.

Sich ins Gras zu legen bedeutet Elemente der Welt wahrzunehmen, deren Existenz mir im Alltag nicht mehr bewusst ist.

Copyright: Hayden Fowler, Fotos: Vinnie Liazza

Im Ausstellungsraum von Hayden Fowler steht ein imposantes Gerüst aus Metall, das eine Rasenfläche mit kleinen Tannenbäumen trägt. Ist das alles echt oder ist es aus Kunststoff? Ich komme näher und der Geruch von frischem feuchtem Gras flüstert: Es ist echt. Und gleich beobachte ich das Ganze wie ein fasziniertes neugieriges Kind, das sich mit dem Bauch ins Gras legt. Die Fliege, die Tautropfen, die Erde und alle Details der kleinen Welt unter den Grashalmen. Das ist die „Romance“. Ich beobachte alles von oben mit Vergnügen. Vor mir steht ein feiner, zerbrechlicher Kosmos. Auch die Tannenbäume sind so klein, dass ich mich im Vergleich sehr groß fühle. Ich bin in einem Ausstellungsraum und liege zwar nicht im Rasen, aber die kleine irdische Agitation betrachte ich mit der gleichen Neugier und in der gleichen dominanten Stellung als, sei ich in der Natur. Durch eine poetische Metonymie wird ein Ökosystem zu einem Ausstellungsobjekt gemacht, und eigentlich wird auch meine Art, mit dieser Umwelt umzugehen, als solche ausgestellt. Meine Haltung der Welt gegenüber wird durch diese Installation reflektiert und im Raum dargestellt.  An diesem Tag bin ich allein in der Ausstellung aber ich frage mich, wie es wäre, wenn andere Zuschauer*innen da wären. Bestimmt würde ich dazu tendieren, ihre Betrachtungsweisen zu beobachten.

Das zweite Element der Ausstellung ist ein Film in Virtual Reality. Ich ziehe die Maske an und sehe den gleichen Ausstellungsraum, bloß über mir ist ein dunkler Himmel und auf dem Gerüst sind keine kleinen Tannenbäume in der Wiese mehr, sondern imposante Baumstümpfe und farbige Pflanzen. Regelmäßig fliegen weiße Schwäne über mir, von hinten nach vorne. Sie fliegen langsam und relativ nah an mir, doch kann ich nicht sehen, woher sie kommen und wohin sie fliegen. Das Ganze wirkt kalt und dunkel, aber der himmlische Tanz ist unwiderruflich schön. Eine stille und graziöse Choreografie spielt sich um mich herum ab. Sie beängstigt mich und hat auch etwas Friedliches. Durch die virtuelle Realität verliere ich den Kontakt mit der wirklichen Umgebung und bin desorientiert. In diesem befremdlichen Raum spüre ich eine bedrückende Einsamkeit. Ich kann nichts betrachten außer die abgebildete ungreifbare Welt und mein eigenes Verhältnis dazu.

In beiden Ausstellungsräumen, im realen und im virtuellen, bin ich Betrachterin einer ähnlich aussehenden Natur. Doch die Empfindung ist ganz anders je nachdem, wo ich mich befinde: Im realen Raum fühle ich mich groß und stehe in einer übermächtigen Position der Natur gegenüber. Die Installation bringt mich dazu, mein übliches bequemes Verhältnis zu meiner Umgebung beziehungsweise zu meiner Umwelt zu hinterfragen. In dem Film habe ich ein sehr immersives Erlebnis, wo ich mich in einer beunruhigenden Atmosphäre befinde. Ich bin immer noch Betrachterin, aber ich kann den Objekten nicht mehr so nah kommen. Ich kann mit ihnen nicht interagieren und ich habe das Gefühl, eine Macht verloren zu haben. Dort bin ich kleiner als die anderen Elemente. Und eben, weil diese Elemente anders, größer und ungreifbar sind, bezeichne ich dieses Erlebnis als unangenehm. Das ist die „Broken Romance“.

Den Film würde ich nicht als dystopische Abbildung der Zukunft interpretieren. In ihm sehe ich viel mehr eine Vertiefung der Reflexion über unser Verhältnis zu der Umwelt und über das cartesianische Verständnis des Menschen als Meister und Herr der Natur. Während die materielle Installation mir die bequeme und übliche Betrachtung eines Ökosystems anbietet, werde ich im Film in eine andere Position transportiert, wo die Betrachtung eine andere Form annimmt und andere Gefühle auslöst. In der Ausstellung werde ich also dazu gebracht, zwei verschiedene Positionen anzunehmen, die sich ergänzen. Insofern sehe ich in der Auseinandersetzung mit den zwei unterschiedlichen Räumen ein subtiles und engagiertes Angebot, unsere Haltung und unseren Blick über die Welt selbstreflektiv zu ergründen.

Hayden Fowler, “Broken Romance”
11.04. – 05.05.2019
KÜNSTLERHAUS BETHANIEN
Kottbusser Straße 10
10999 Berlin

Julia Ben Abdallah is an art historian and co-founded the collective for art critique POKUS - Poetische Kunstkritik Berlin in March 2019. She aspires to an accessible and independent art critique. She writes about exhibitions and artistic works in Berlin that she finds particularly inspiring, without restricting herself to a particular genre or discipline.