Auf der Suche nach Eros

Das erotische Bild ist eine Gattung für sich. Wenn ich schreibe: erotische Skulptur, erotische Literatur, Tanz, Malerei, Radierung, erotische Fotografie, ahnt mutmaßlich jede*r, was mit diesen Begriffen gemeint sein wird. Ahnt, denn das Verständnis ist diffus. Es hat etwas mit Sinnlichkeit, mit einer Inszenierung der Sexualität zu tun. Das Wort Erotik knüpft nicht spontan an eine Definition an. Im Gegenteil: Seine nebelhafte Aura setzt die Vorstellungskraft in Bewegung, ruft ein sinnliches Universum wach. Doch unsere Vorstellungskraft ist so sehr geprägt, gemeißelt von unserer Sprache, von gesellschaftlichen Normen, dass sie oft schon stark begrenzt ist, wenn man im Leben beginnt, sich mit Erotik auseinanderzusetzen. Dies ist der Grund, warum man unter Erotik meistens binär entweder an pornografische Darstellungen oder an intellektualisierte Kunstbilder denkt. Trotz der dünnen und sehr subjektiven Grenze zwischen den beiden Genres, trifft diese Differenzierung vor allem bei Fotografien und Filmen zu. Laut Roland Barthes liegt der Unterschied zwischen Pornografie und kunstvollem Bild in der Art, wie die Sexualität dargestellt wird: “Die Pornographie stellt gewöhnlich das Geschlecht dar. […] Die erotische Fotografie hingegen macht das Geschlecht nicht zum zentralen Gegenstand (gerade das ist die Voraussetzung), sie braucht es nicht einmal zu zeigen, sie führt den Betrachter aus ihrem Rahmen hinaus, und das macht, daß ich ein bestimmtes Photo animiere und es mich animiert.”1 Meistens wird Pornografie nicht als Kunst betrachtet, während das erotische Bild mehr Chancen hat, als Kunstbild zu gelten, weil es mit einer subtileren Ästhetisierung verbunden wird. Und seien sie als Pornografie oder Kunst kategorisiert, die erotischen Darstellungen spiegeln meistens zahlreiche Stigmatisierungen und gesellschaftliche Normen wieder, die zur Unterdrückung eines Teils der Menschheit – unter vielen anderen Frauen – beitragen. Diese Darstellungen, oder die Tatsache, dass diese Darstellungen als erotisch kategorisiert werden, verstärken diese Normen immer mehr. Was könnte das erotische Bild sein, wenn es jenseits der stigmatisierenden Darstellungen bedacht wäre? Wie kann diese Gattung durch einen feministischen Ansatz neu definiert werden? Vielleicht sollte sie erstmal über die Sexualität hinaus betrachtet werden, sich sogar davon komplett trennen.

Die Autorin Audre Lorde befasst sich nicht unmittelbar mit Fragen der Darstellung, dennoch bietet sie die Grundlage einer Antwort, indem sie die Erotik hinterfragt und als Lebenskraft neu definiert2. Die Erotik wird von ihr als eine mächtige, innere Kraft verstanden, die sehr eng mit der Fähigkeit, Freude zu empfinden (“Capacitiy of joy”3), verbunden ist. Denn die sogenannte erotische Kraft kommt aus einem tiefen, nichtrationalen Wissen, was bei Frauen, so Audre Lorde, ständig unterdrückt und missbraucht werde. Doch dieses instinktive Wissen sei der beste Indikator – ein führendes Licht – um zu erkennen, was einer*m gut tut und Freude bereitet. Wer den Weg zu sich selbst unternimmt und es schafft, die unterbrochene Verbindung wieder herzustellen, wäre also fähig, die erotische Kraft zu spüren. Dies ist sogar die Bedingung zur Selbstermächtigung. Um die Erotik als innere Kraft zu definieren, bezieht sich Audre Lorde auf eine antike Definition des griechischen Worts Eros: “Personifizierung der Liebe”, anders gesagt “Personifizierung einer kreativen Kraft und Harmonie”4. Die Beziehung zu sich selbst, wenn sie von der erotischen Lebenskraft erhellt wird, ermöglicht eine Bewusstwerdung und eine Befreiung. Diese Kraft ist für Audre Lorde das, was sie dazu führt, sich politisch einzusetzen und auch Gedichte zu schreiben. Die Kunst – und die Sexualität ebenso – ist entsprechend von dieser Definition der Erotik betroffen: Es ist eine erotische Praxis. Und zwar nicht, weil – und nicht nur, wenn – es mit einer Darstellung der Sexualität verbunden ist, sondern weil es aus einer inneren erotischen, befreienden Kraft entspringt. Audre Lordes Gedichte thematisieren manchmal ihr sexuelles Leben, verkörpern und vermitteln aber immer die Erotik als Lebenskraft.

Audre Lorde ist weder die erste noch die einzige Autorin, die die Begegnung mit sich selbst als erste Voraussetzung der künstlerischen Kreativität definiert. Diese Idee war beispielsweise auch bei Rainer Maria Rilke grundlegend, selbst wenn es schwierig scheint, beide Autoren*innen in Einklang zu bringen. Für Lorde wie für Rilke kann nichts “Gutes” entstehen, wenn die Verbindung zu sich selbst verloren gegangen ist. So rät Rilke dem jungen Dichter, “Sie sehen nach außen, und das vor allem dürften Sie jetzt nicht tun. Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben?”5 Und die innere Stimme, die in der stillsten Stunde “ja” flüstert, ist die von Eros. Sie ist die kreative Kraft, die Audre Lorde als Erotik definiert. Rainer Maria Rilke und Audre Lorde sind sich über einen essentiellen Punkt einig: Schreiben ist lebenswichtig und die Quelle der Kunst kann nur in sich selbst gefunden werden. Dennoch ist der Grund dafür bei beiden Autor*innen sehr unterschiedlich.

Audre Lorde ermuntert jede Frau dazu, den Weg zu sich selbst zu finden, weil es zu einer notwendigen Befreiung führt, während Rilke denjenigen empfiehlt, die das Bedürfnis zum Schreiben nicht spüren, darauf zu verzichten. Woher kommt dieser Unterschied und warum ist er so bedeutend? Bei Audre Lorde spielt der politische feministische Ansatz eine wesentliche Rolle. Wer die erotische Energie an sich heran lässt, wird sich seiner*ihrer Unterwerfung bewusst werden und wird sie nicht mehr akzeptieren können. Die erotische Energie führt dazu, das Wort und die Macht zu ergreifen. Sie ist eine Revolution für sich. Deswegen ist “Poesie kein Luxus”6, sondern eine notwendige Selbstermächtigung. Eros als kreative Kraft soll jeder Frau dabei helfen, sich vom Patriarchat zu befreien. Und deswegen wird jede dazu ermuntert, sich zu äußern. Denn Audre Lorde spricht als Schwarze lesbische Frau7 vor allem Menschen an, die wie sie sozial massiv unterdrückt werden. Sie spricht einerseits aus der eigenen Erfahrung, andererseits ist Eines sicher: aus Unterdrückung kann nichts Positives entstehen – eine Verbesserung der Gesellschaft schon gar nicht. Das ist eine konsequente Aussage. Bei Rilke existiert diese politische Dimension nicht, denn er schrieb aus einer privilegierten Position und seine Kunst befasste sich mit keiner Unterdrückung. Die Notwendigkeit zum Schreiben ist bei ihm rein individuell, während sie bei Audre Lorde einem politischen Engagement und einer Befreiung entspricht.

Lordes Theorie kann auf all jene Personen übertragen werden, deren Existenzen stark unterdrückt wurden und für die diese Befreiung dank der Erotik überlebenswichtig ist. Auch das hier gezeigte Bild kann als Darstellung und Verkörperung der Lebenskraft gelesen werden, auf die sich Audre Lorde bezieht. Zu sehen sind die Hände von Shelomo Selinger, der vier Jahre seines Lebens, von 1942 bis 1945, in Auschwitz und neun anderen Konzentrationslagern verbracht hat. Er formt seit Jahren Steinskulpturen wie die, die sich unten auf dem Bild abzeichnet8. Durch seine Kunst verarbeitet Shelomo Selinger sein traumatisierendes Erlebnis und in diesem Sinne kann seine Praxis als eine Kraft zum Empowerment betrachtet werden, denn seine Existenz wurde ja extrem unterdrückt. In seinen offenen Händen könnte so viel gelesen werden, doch traut man sich nicht als Beobachter*in zu viel zu interpretieren. Es scheint aber, dass die Fotografin diese Hände unter Anderem zu einem Symbol der Kunstpraxis Selingers macht. In dem Sinne wären sie auch ein Symbol seiner Selbstermächtigung. Deshalb kann diese Fotografie eine Darstellung der erotischen Lebenskraft sein. Dank Audre Lordes breiter Definition der Erotik wird hier der Begriff von jeglichem Bezug zur Sexualität befreit. Eine Darstellung der Erotik also, weil das Werk eine Kunstpraxis darstellt, die aus einer selbermächtigenden Kraft stammt.

Diese Fotografie ist auch eine Verkörperung der Erotik – immer im Sinne von Lebenskraft nach Lordes Definition -, weil sie das Ergebnis einer künstlerischen Geste ist. Während die Interpretation des Werks als Darstellung der Erotik einer ikonographischen Lektüre entspricht, bezieht sich die Idee einer Verkörperung der Erotik auf die ästhetische Herangehensweise der Künstlerin. Diese künstlerische Geste gehört der Fotografin Teresa Suárez, die Shelomo Selingers Züge, Geschichte und seine Werke mit ihrer Kamera aufgenommen hat. Sie ist diejenige, die entschieden hat, den Fokus auf die Hände zu legen. Dabei behandelt Teresa Suárez ihr Thema in einer mittelbaren Art. Das, was sie zeigt, ist nicht der zentrale Gegenstand (nämlich Shelinger selber, oder seine Skulpturen). “Sie führt den Betrachter aus ihrem Rahmen hinaus”, um Roland Barthes zu zitieren. Und auch deshalb ist ihre Fotografie eine Verkörperung der Erotik, und auch hier hat es absolut nichts mit Sexualität zu tun. Diese Interpretation bezieht sich lediglich auf eine Definition der Erotik als Kunst des Wachrufens. 

Denn selbst wenn Roland Barthes’ Definierung der Erotik etwa reduzierend ist, weil er sie binär bloß als Pendant der Pornografie versteht, bleibt sie in ästhetischer Hinsicht interessant: Für ihn ist die Erotik die Kunst des Wachrufens. Dies ist letztendlich auch nah an Audre Lorde, die Folgendes über ihre künstlerische Praxis – nämlich Gedichte schreiben – sagt: “Ich spreche von Poesie als eine offenbarende Destillation des Erlebnisses.”9. Mit der gleichen Metapher für die Poesie sprach Arthur Rimbaud von einer “Quintessenz”10. Die poetische Kunst besteht also darin, eine Erscheinung zu verursachen, ohne das Erscheinende selbst darzustellen. Der Gegenstand soll nicht klar gezeigt werden, sondern sich ganz subtil erheben – nach einem langen Destillationsprozess. Die erotische Darstellung ist also schlechthin die ästhetische Umsetzung davon. Dies trifft für Teresa Suárezs Fotografie auch besonders zu, wo Shelomo Selingers Werke und seine Geschichte nicht unmittelbar zu sehen sind. Diese Fotografie wäre erotisch für das, was sie zeigt, genauso wie für die Art, wie sie es zeigt. Sie zeigt möglicherweise die Verarbeitung einer Unterdrückung und dies durch eine mittelbare Darstellung des Subjekts. Ein erotisches Bild in mehreren Hinsichten also, ikonographisch und ästhetisch, und doch komplett von irgendeinem Bezug zur Sexualität gelöst. Denn Lordes feministischen Ansatz in ihrer Definition der Erotik als Lebenskraft ermöglicht es eben, diesen Begriff jenseits der Sexualität und Sexualisierung zu verstehen. Es geht also nicht nur darum, dass Künstler*innen unter dem Licht von Audre Lordes Definition andere erotische Darstellungen produzieren, sondern auch darum, dass wir unsere Blicke auf vorhandene Bilder ändern.

Shelomo Selinger, ©Teresa Suárez, 2020

1 Barthes, Roland. Die helle Kammer – Bemerkungen zur Photographie. Übersetzt von Dietrich Leube. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2016, erste französische Auflage 1980.
2 Lorde, Audre, “Uses of the Erotic: The Erotic as Power”, in Sister Outsider: Essays and Speeches. Berkeley, Calif: Crossing Press, 2007
3 idem
4 idem (Übersetzung der Autorin)
5 Rilke, Rainer Maria, Briefe an einen jungen Dichter, Insel-Bücherei Leipzig, 1929.
6 Lorde, Audre, “Poetry Is Not a Luxury”, in Sister Outsider: Essays and Speeches. Berkeley, Calif: Crossing Press, 2007.
7 So definiert sich Audre Lorde selber in zahlreichen Texten und Reden. Deshalb kann für sie der feministische Kampf nur intersektionell sein: Sie erlebt Diskriminierung u. a. auf Grund ihrer sexuellen, ethnischen und Geschlechtsidentität.
8 Shelomo Selinger ist ein polnischer Bildhauer und stammt aus einer jüdischen Familie. Dieser Holocaust-Überlebender lebt in Paris seit 1956. Mehr Information zu seiner Arbeit auf der Teresa Suarez’ Webseite.
9 “I speak of poetry as a revelatory distillation of experience.” Lorde, Audre. “Poetry Is Not a Luxury”, in Sister Outsider: Essays and Speeches. Berkeley, Calif: Crossing Press, 2007.
10 Rimbaud, Arthur, “Lettre du voyant, 1871

Lorde, Audre. Sister Outsider: Essays and Speeches. Berkeley, Calif: Crossing Press, 2007. Erstveröffentlichung 1984.

Barthes, Roland. Die helle Kammer – Bemerkungen zur Photographie. Übersetzt von Dietrich Leube. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2016, erste französische Auflage 1980.Rilke, Rainer Maria, Briefe an einen jungen Dichter, Insel-Bücherei Leipzig, 1929.

Bentouhami, Hourya. „Audre Lorde : le savoir des opprimées“. Revue Ballast, 28. Mai 2019. https://www.revue-ballast.fr/audre-lorde-le-savoir-des-opprimees/.

Perrin, Céline. „‚Sister Outsider‘ d’Audre Lorde : la poésie et la colère“. Nouvelles Questions Féministes, 2004/3 (Vol. 23), pages 126 à 129, Nr. Vol. 23 (3. August 2015): 126–29.

Rilke, Rainer Maria, Briefe an einen jungen Dichter, Insel-Bücherei Leipzig, 1929.

Seleshie, Loza. „Usages de l’érotique: l’érotique comme pouvoir (1978) – Audre Lorde“. Chroniques littéraires africaines, Juillet 2020.
http://chroniqueslitterairesafricaines.com/usages-de-lerotique-lerotique-comme-pouvoir-1978-audre-lorde/loza/.

Julia Ben Abdallah is an art historian and co-founded the collective for art critique POKUS - Poetische Kunstkritik Berlin in March 2019. She aspires to an accessible and independent art critique. She writes about exhibitions and artistic works in Berlin that she finds particularly inspiring, without restricting herself to a particular genre or discipline.